Shanghai - in Steff´s eye view
Sonntag, 8. September 2013
Qingdao
Es kann nicht angehen als deutsche in China, nicht in Qingdao gewesen zu sein. Also nix wie los zum Wochenendtrip in die ehemalige deutsche Kolonie, in der das legendäre Tsingdao Bier gebraut wird, welches uns hier literweise durch die Kehlen rinnt. Um das Timing perfekt zu nennen begeben wir uns pünklich zum Qingdao International Beer Festival auf die Reise. Man sagt uns Deutschen hier nach, dass wir Unmengen von Bier vertilgen können. Anscheinend haben viele das Bild des dauerbiersaufenden Germanen im Kopf. Was für mich irgendwie ein abschreckendes Bildnis darstellt, scheint in manchen Vorstellungen allerdings nachahmenswert zu sein. So kommt es, dass wir im Bierzelt auf reges Interesse stossen. Jeder stösst mit uns an und wir werden sehr freundlich und herzlich in die Partygemeinde aufgenommen. Der Masskrug leert sich mit einer schwindelerregenden Geschwindigkeit und auf der Bühne wird fröhlich das Komasaufen propagiert.
Doch zurück zum Anfang unseres Abenteuers. Die Ankunft im Hotel des Grauens... Im Dunkeln erhebt sich ein sympathisches altes Gebäude mit Meerblick vor uns. Der Geruch, der gleich beim Betreten unerbittlich in meine Nase eindringt, bringt meine Zuneigung doch leicht ins wanken. Müde stehen wir an der Rezeption und stellen fest, dass wir leider keiner gemeinsamen Sprache mächtig sind. Zudem ist der zu bewältigende Bürokratiekram wieder mal unglaublich umständlich, doch zum Glück leben wir in fortschrittlichen Zeiten, in denen man für alles eine App zur Verfügung hat... Jedenfalls dann, wenn man nicht gerade eben sein Handy im Taxi liegen gelassen hat. Ich krame in meiner Handtasche. Zunächst noch gelassen-amüsiert, weil ich immer kramen muss. Dann hektischer. Dann panisch. Und dann dämmert mir was passiert ist.
Wir versuchen den Damen an der Rezeption begreiflich zu machen, was die Lage ist, aber sie verstehen uns nicht. Also beschliesse ich, das Ganze einfach mal vorzuspielen. Grosse Augen starren mich während meiner Scharade ungläubig an. Ein junger Mann betrachtet mich interessiert, als wäre ich gerade einem UFO entstiegen. Mir wird klar, dass ich die Schauspielkarriere direkt wieder aufgeben kann. Die Damen an der Rezeption rufen zumindest bei der Nummer auf der Taxirechnung an, aber ohne nennenswerte Ergebnisse. Ständig versuchen sie mich auf´s Zimmer zu schicken. Dann kommt die Rettung. Ein Kollege versucht mich anzurufen und der Taxifahrer geht ran. Wir drücken das Gespräch den netten Damen ans Ohr und erfahren, dass der Fahrer fast den doppelten Preis, den wir vorher für die Fahrt vom Flughafen gezahlt hatten, für die Herausgabe des Handys verlangt. Aus der Not anderer noch Kapital zu schlagen finde ich das allerletzte, aber der Gedanke an Ärger mit Polizei und Behörden wegen 40 Euro erscheint mir noch abstossender und so steht der Deal. Zwei Stunden später halte ich mein geliebtes Galaxy wieder in Händen.
Der nächste Schock ist das Zimmer. Das Hotel quält einen permanent mit modrigen Duftschwaden und ist hübsch mit allerlei Stockflecken und dicken Schimmelteppichen bestückt. Auch die stattliche Dachterrasse mit Meerblick meines Kollegen kann mich nicht versöhnlich stimmen. Es ist schlicht ekelerregend. Und mit Sicherheit ungesund. Wieder mal ein anmutig schönes Gebäude, das man einfach vergammeln lässt. Die Chinesen scheint das nicht sonderlich zu stören, das Hotel ist rammelvoll. Selbst Familien mit kleinen Kindern wagen sich ins Gammelparadies.
Als ich meine Zimmertür öffne haut mich der Mief fast um. Ich verdränge meine Visionen von allerlei Getier in meinem Bett, reisse das Fenster auf und beschliesse mich ganz dem deutschen Klischee entsprechend bis obenhin voll laufen zu lassen, um das ertragen zu können. Gesagt getan, raus aus der Stinkebude - rein in die nächste Bar. Dort spielt eine richtig gute Philippinische Band. Die gute Stimmung lässt mich großzügig über die schlechten Blindmacher (die nennen es Cocktails) hinweg sehen. Als der Laden schliesst sind wir immer noch zu nüchtern. Wir machen uns auf die Suche nach einem Club. Später auf dem Heimweg speisen wir an einer Strassenküche. Vor meiner Reise nach China erschien mir das schon allein aus hygienischer Sicht unvorstellbar, aber vieles wird irgendwann zur Normalität. Es ist saulecker und lustig. Mit ausreichend betäubten Sinnen finde ich in einen unruhigen Schlaf. Das Frühstück will ich gar nicht erst sehen und wir brechen direkt zur Stadterkundung auf. Wir entdecken ein sehr verstecktes und schönes Cafe. Ein echter Geheimtipp mit lecker Kaffee und Schokokuchen. Auch sonst hat die Stadt vieles zu bieten und ist wirklich sehr schön. Hier und da lugt ein Fachwerkhaus hervor und erzählt Geschichten aus deutscher Vergangenheit. Zwei Kirchen schmiegen sich in die chinesische Umgebung und erheben ihre Türme majestätisch in den Himmel. Unser erster Weg führt uns über das Kleinod von Cafe direkt ins Gefängnis. Wir besichtigen Zellen, Gänge und Folterkammern. Die menschliche Grausamkeit lässt mich mal wieder erschaudern. Die üblichen 1000 unbeantwortbaren Fragen nach dem "Warum" wollen sich mir aufdrängen, verblassen aber gnädigerweise als wir am Hafen entlangschlendern und im Wettlauf mit der Sonne ein Eis am Stiel wegschlürfen. In einer Unterführung mit allerlei Krimskrams und Läden tut sich ein leckerer Fischmarkt auf. Inmitten des Gewusels stehen Bierbänke unter denen sich Essensreste türmen. Zwischen Knochen und Muschelschalen lassen wir und nieder, schlürfen unser erstes Bier und probieren verschiedene Fleischspiesse aus. An sich ekelig, erscheint uns das absurde inzwischen alltäglich und es schmeckt. Wieder im Tageslicht erstehen wir einen lustigen Chinesenhut und pilgern weiter. Vorbei an einem Elektriker, der an einer Hausfassade halsbrecherisch seinen Kabelsalat anrichtet kommen wir zur katholischen Kirche. Leider bleiben ihre Tore für uns verschlossen, aber das Schauspiel davor ist mindestens genauso interresant. Da tummeln sich etwa acht Brautpaare zum Fototermin. Direkt gegenüber befindet sich ein Brautladen. Heiraten als Volkssport? Wir schlendern an Plakaten mit Eheweisheiten entlang, lernen dabei was wir alles falsch gemacht haben und landen schliesslich an der evangelischen Kirche. Im Glockenturm lehnt oben eine Leiter an einem Gemälde mit Jesus und seinen Schäfchen. Auf der Leiter steht "do not climb". Sieht so aus als wäre einem selbst in der Kirche der Stairway to Heaven verwehrt. Konkreter spürbar wir das, als wir im Kirchenschiff Überwachungskammeras vorfinden. Bloß nicht von rechten Weg abkommen.
Im Palast des deutschen Gouverneurs ergreift mich das Gefühl der Erhabenheit, das dort wohl vorgeherrscht hatte. Prunk- und dennoch geschmackvoll hat man es sich dort sicherlich sehr gut gehen lassen. Deutscher Wohlstand am Rande von Armut und Unterdrückung der eigentlichen Bevölkerung. Nunja. Wir geniessen ein zünftiges deutsches Mahl mit Tsingdao. Jedenfalls sowas ähnliches wie Nürnberger Würstchen und Schnitzel. Noch mehr geniessen wir den Blick ins Grüne, die Ruhe und die gute Meeresluft. Leider meint ein chinesischer Barde mit Gitarre und großen Lautsprechern uns beglücken zu müssen. Ruhe und Kontemplation scheinen hier nicht erwünscht zu sein. Dann auf zum Bierfest, wo Lärm und Atmosspäre wenigstens zusammenpassen. Dafür dass es ein internationales Fest sein soll, sieht man kaum anders Volk als das Chinesische. Damit werden wir zu einem der Highlights der Party im Hofbräuzelt. Man teilt das Essen mit uns, lichtet und zig mal ab und wir haben einen Megaspass zusammen. Manchmal hat Bier auch eine kulturell verbindende Wirkung. Es ist richtig lustig. So gegen elf werden dann die Bordsteine hochgeklappt und wir erkämpfen und zwischen den stockbesoffenen chinesischen Partygängern ein Taxi. Noch nicht blau genug, um das Ekelhotel zu ertragen, geht es wieder in den Club, zur Philippinischen Band und zur Strassenküche. Da sitzen wir glückseelig inmitten von Essenresten und kauen auf den vorzüglichen Fleischspießen herum.
Der nächste Tag führt uns direkt ins unser neues Stammcafe zum Schokokuchen und dann ins Tsingdao Brauereimusseum. Das Musseum ist sehr informativ und schön gestaltet. Endlich kommen wir mal in den Genuß des Rohbieres, was viel besser schmeckt, als das verdünnte Tsingdao am Ende. Nachdem wir uns einen Vorgeschmack im Betrunkenheitssimulator geholt haben, fühlen wir uns berufen gleich noch ein Bierchen zu bestellen und lassen es uns gut gehen.
Es heisst "Wein auf Bier - das Rat ich dir". Somit ist es fast schon eine Pflicht direkt danach das Weinmusseum zu besuchen. Dies ist dann aber doch eher zu weinen. Das Musseum wurde offensichtlich von einem Weinliebhaber mit viel Geld und Liebe errichtet, war aber letztendlich kitschig und aberwitzig in seinem Informationsgehalt. Außerdem gibt es lediglich einen kleinen Tropfen Wein zum Testen... In den umliegenden Restaurants in der Weinstrasse finden wir keinen einheimischen Wein, für den laut Museeum Qingdao so berühmt sein soll. Copy Paste von Bier nach Wein funktioniert ungefähr genau so toll wie von Excell nach Powerpoint ;-)...etwas verschoben...
Das Auschecken im Hotel des Grauens erweist sich auch wieder als Herausforderung und schon ist unser Aufenthalt wie im Flug vergangen. Wir begeben uns auf die Rückreise, die in ein weiteres Abenteuer auf dem Flughafen Shanghai Pudong münden soll...
Na denn Prost!

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